Auf der Suche nach Ton und Stil – ein zweiter Blick

Nun ist meine Lektüre von Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“ erst einige Wochen her, aber ich kann mich bereits kaum mehr an das Buch erinnern. Für unsere Blogrunde, die gemeinsam den Roman gelesen hat, wollte ich noch ein paar Zeilen über die Poetik und den Erzählstil Bilkaus schreiben. Wenn ich nur noch wüsste, wie sich das so las, damals…

Also flugs den Roman nochmal aus dem Regal gezogen, das Gedächtnis aufgefrischt und frisch drauflos analysiert. Was mir noch sehr in Erinnerung ist: dieses Grundgefühl von Distanz, das ich beim Lesen empfunden habe. Beim Aufschlagen des Buches finde ich auf den ersten Blick keine Anzeichen, woran das gelegen haben mag. Kristine Bilkau erzählt als auktoriale Erzählerin, die stark auf die erlebte Rede setzt. So vermittelt sie uns die Gedankengänge ihrer Figuren Isabell und Georg und schreibt dennoch in der dritten Person. Man muss diese Erzähltechnik nicht grundlegend ablehnen wie W. G. Sebald, der sie vor gut 20 Jahren für überholt erklärte. Viele zeitgenössische Romane sind auf diese Weise verfasst. Warum das Gefühl von Distanz? Ich suche weiter.

Beim Wiederlesen längerer Passagen fällt mir auf, dass ich über fast nichts stolpere. Kaum Beschreibungen oder Details, die mir ein Runzeln auf die Stirn zeichnen könnten, aber auch kein Schmunzeln in die Mundwinkel, weil eine Situation so gut getroffen wurde. Alles scheint bekannt, nichts überraschend, mir geht kein Licht auf. Das könnte natürlich damit zu tun haben, wie vertraut mir die Erlebniswelt von Isabell und Georg ist. Großstadt, Altbau, Kulturberuf. Aber schaffen es geschickte Schriftsteller_innen nicht, sogar Eis an Eskimos zu verkaufen, will sagen: dem Publikum das Bekannte als etwas völlig neues zu beschreiben? Oder glaubt die Autorin, die beschriebenen Lebensaspekte allein könnten für den Großteil ihrer Leser_innen neuartig und spannend sein? Gäbe es nicht Momente, in denen Details zum Leuchten gebracht werden könnten um eine überraschende Perspektive auf Alltäglichkeiten zu werfen?

Ich denke, Kristine Bilkau hat sich dagegen entschieden, so über Isabell und Georg zu schreiben. Sie hat einen sehr sachlichen Ton gewählt, absichtlich. Sie baut darauf, dass Momente des Wiedererkennens ausreichen, um das Publikum zu fesseln. Deshalb müssen die Kontraste nicht scharf ausfallen, es genügt, wenn sie stimmig sind, wenn die Beschreibungen von vorne bis hinten nachvollziehbar erscheinen, aber eben nicht mehr.

Was dieser Erzählton nicht verströmt ist Magie, nicht einmal Charme. Wirklich kein Satz erscheint mir hier unterstreichenswert, der zweite Blick ins Buch erschüttert mich fast. Die Autorin ist auch Journalistin, vielleicht hat diese Profession auf ihre Prosa abgefärbt?

Vielleicht wäre „Die Glücklichen“ in einem anderen Leben schlicht eine wunderbare Reportage geworden?

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