„Die Glücklichen“ – Der beste zeitgenössische Roman des Jahres?

Kristine Bilkaus Roman „Die Glücklichen“ habe ich schon vor einiger Zeit gelesen. Die Besprechung dazu findet ihr unter dem folgenden Link: „Die Glücklichen“. Mich hat dieses Buch, seitdem ich davon wusste, angesprochen, da es in der Summe endlich das behandelt, was meiner eigenen Lebensrealität entspricht (Familie, Rolle der Geschlechter innerhalb der Familie). Nun ist es schon fast 3 Monate her, seit ich die Buchdeckel zugeklappt habe und bin immer noch der Meinung ein ganz großes Buch gelesen zu haben, weil es die Lebensrealität vieler Leute anspricht. Klar passiert das in überspitzter Form und an manchen Stellen auch übertrieben, aber dennoch trifft es im Kern für viele zu. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach steil behaupten, dass mit Kristine Bilkaus der beste zeitgenössische Roman des Jahres 2015 vorliegt. Das möchte ich euch anhand der folgenden Punkte nächer bringen:

1. Gentrifizierung

Ein Punkt, der mich selber zwar nicht betrifft oder sagen wir mal fast betroffen hätte, wenn ich nicht aufs Dorf gezogen wäre. Jedoch entspricht die Realität gerade in den deutschen Großstädten genau dem, wie es im Buch in eigentlich nichtigen Tätigkeiten wie einer Fassadenrenovierung beschrieben wird. Eine Renovierung da, eine Auffrischung der Badfließen dort und schon hat man eine Mieterhöhung am Hals, kann sich die Wohnung nicht mehr leisten und muss woanders hinziehen, in die Vororte, aufs Land. Die Angst vor dieser Veränderung wird von Kristine Bilkau sehr schön eingefangen.

2. Aufteilung der Geschlechterrollen

In „Die Glücklichen“ wird ein Modell vorgestellt, wie es moderner nicht sein kann. Sie kann ihrem alten Job Vollzeit wieder nachgehen, indem er abends den Haushalt übernimmt. Dass das bei den beiden aber nur geht, weil die Arbeitszeiten der beiden es auch hergeben, ist erst einmal geschenkt. Daraus resultieren aber die anfänglichen Probleme des nicht miteinander Kommunizierens, was in den Kommentaren zum Beitrag „Erste Eindrücke“ schon angeklungen ist. Die beiden sehen sich meist zwischen Tür und Angel. Für ihre Ängste und Sorgen ist keine Zeit diese auszutauschen, also bleiben diese unausgesprochen und werden ins Innere gefressen. Daraus komme ich für mich zu der Frage: Geht denn eine moderne Aufteilung überhaupt? Also das beide, wenn möglich Vollzeit, arbeiten gehen? In meinem persönlichen Umfeld und auch bei uns sehe ich genau die Problematik, dass beide sogar arbeiten gehen müssen, damit am Ende des Monats etwas übrig bleibt und das man sich bei diesem Spagat Arbeit, Familie und Freizeit gehörig verheben kann. Auch hier kann man Kristine Bilkau attestieren, dass sie einen Punkt angesprochen hat, der viele beschäftigen wird und den sie, in Abstrichen, gut in die Geschichte integriert hat.

<Ergänzung Claudia:> Auch wenn ich jetzt nicht unbedingt von dem „besten“ Roman des Jahres sprechen möchte (da würde dann auch noch Doris Knechts „Wald“ eine Rolle spielen), möchte ich Marcs Begründung ergänzen:

3. Die wirtschaftliche Situation als wichtiger äußerer Einfluss

Ich habe ja schon in meinem Kommentar zu Brigiites Artikel „Erste Eindrücke“ deutlich gemacht, dass ich hier erst einmal ein Paar sehe, das seinen Lebenstraum versucht umzusetzen, in der Wohnung, in der sie schon lange leben, mit Kind und eigenen Berufen. Diedienen zwar dazu, die finanzielle Situation zu festigen, aber es sind auch beides Berufe, in denen Isabell und Georg „sich selbst verwirklichen“ können, in dem Sinne, dass sie Geld verdienen mit Tätigkeiten, die sie gerne tun, die ihnen entsprechen, die ihnen Spaß machen, in denen sie einen Sinn sehen, die auch Platz für Kreativität lassen (obwohl Isabell ja in ihrem Musical schon das Geld in den Vordergrund gestellt hat). Dafür haben sie eine lange Ausbildung gemacht, ein Studium, für das Georgs Eltern noch im Ruhrstand zahlen. Mit der Zeitungskrise als Beispiel für Wirtschaftskrsien aller Art, kommt eine Entwicklung über Georg und seine Familie, die sie eben nicht mehr beeinflussen können, der sie, bei aller Ausbildung, ausgeliefert sind: Zu welchen Bedingungen muss Georg sich nun verdingen – verkaufen -, wenn er mit seiner Familie nicht nach Hartz IV abrutschen will? Die Beschreibungen seines Vorstellungsgespräches bei der Immobilienmaklerin für Schwerreiche illustriert diese Frage ganz besonders. Und ist nicht genau das ein Stück ganz allgegenwärtiger Realität? Die Suche nach Arbeit, das ständige Sich-Anpassen-Müssen an die Anforderungen des jedes neuen Unternehmens, das sich immer weiter Verbiegen müssen? Beobachten kann man das seit den 1990er Jahren und dem Platzen der New-Economy-Blase. Dass dieser Aspekt des Romanes Jammern auf hohem Niveau sei, so ist es ja gelegentlich bei Besprechungen zu diesem Roman zu lesen, halte ich insofern für völlig unangebracht, denn genau dieser Aspekt trifft ganz viele Menschen, egal, ob im Single-Haushalt oder als Familie. Und Vergleiche mit der Lebensrealität z.B. in Bangladesch oder den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer sind insofern einfach unzulässig als dass damit jedes Schicksal ad absurdum geführt würde.

Wie die Ängste und Sorgen, die sich daraus ergeben – zusammen mit den teurer werdenden Wohnungen in einem Stadtviertel, das auf einmal als modern und hipp gelten will und deshalb modernisiert wird, sodass die alten Mieter sich das Leben hier nicht mehr leisten können, wie die Scham, nicht mehr im Arbeitsleben wie gewohnt zu funktionieren, in die Familie eingreift, wie dies zu einer unangenehme, unechten, ja, auch unaufrichtigen Stimmung zwischen Isabell und Georg führt, wie ein Gift, das langsam eindringt und seine Wirkung mehr und mehr entfaltet, das ist ganz, ganz stark beschrieben.

<Update Marc (03.08.)>:
Nachdem Claudia meinen Beitrag aufgenommen und ergänzt hat (danke an dieser Stelle für den dritten Punkt), möchte ich meine Gedankengänge weiter ausführen, indem ich noch ein wenig auf die Stilmittel des Romans eingehen möchte. Claudias Beispiel von Doris Knechts „Wald“ könnte inhaltlich tatsächlich auf Augenhöhe mit „Die Glücklichen“ mitspielen. Der große Unterschied zwischen beiden Büchern ist vor allem, dass die Fallhöhe der Protagonistin in „Wald“ eine unweit höhere ist und so in der Form sicher nicht so oft vor kommt. Dagegen ist das Schicksal von Isabell und Georg in Deutschland viel eher anzutreffen und es wirkt damit richtiggehend authentisch, was Kristine Bilkau in dem Roman anspricht. Claudias Besprechung zu „Wald“ findet ihr übrigens hier.

4. Unaufgeregte Sprache

„Die Glücklichen“ ist in einer nüchternen, distanzierten Sprache geschrieben, ganz so, als ob Kristine Bilkau eine Beobachterin ist, die die ganze Situation einfach für die Nachwelt dokumentieren, festhalten möchte. Dadurch erscheinen einem die Figuren sicher fremd und unnahbar, was auch sicher an deren Charakterisierung liegen mag, die dann doch etwas seltsam erscheinen. Insgesamt empfinde ich dieses unaufgeregte Erzählen von Alltagssituationen als probates Stilmittel, um den ganzen Mist, der über Isabell und Georg hereinbricht als Leser besser zu ertragen. Wäre es mit Bombast und viel Tamtam vorgetragen, hätte ich nur den Kopf geschüttelt und der Autorin ihre Geschichte nicht abgekauft. Im nun vorliegenden Fall ist es aber genau umgekehrt. Das macht für mich den Roman zu einem großen, da man es als Autorin schaffen muss, diese Unaufgeregtheit über das ganze Buch aufrecht zu erhalten.

5. Abwechselnde Sichtweisen

Das Buch ist so aufgebaut, dass man immer im Wechsel die Sichtweisen von Isabell und Georg erzählt bekommt. Sei es bei dem Thema Kind oder wie sie sich beide als Partner sehen, man bekommt immer die weibliche und männliche Sichtweise präsentiert. Manchmal sogar in einem Kapitel zusammen, indem der eine Part erzählt und der andere handelnd mit eingreift. Ich empfand dieses Stilmittel als sehr passend eingesetzt, um die Ohnmacht beider Seiten gegenüber der über sie hereinbrechenden Situationen zu zeigen und wie sie diese, beide mit ihren jeweiligen Macken, meistern beziehungsweise damit umgehen. Sei es Georg, der es anpacken will, aber nicht um jeden Preis und auf der anderen Seite Isabell, die sich nicht eingestehen will oder kann, dass Veränderungen ins Haus stehen müssen.

6. Offene Erzählung – Realismus

Man bekommt kein Ende auf dem Silbertablett serviert. Es ist eher ein Anfang gemacht, eine Annäherung von Isabell und Georg aneinander. Sie reden wieder miteinander anstatt sich ihre Geheimnisse zu bewahren. Das klang in einem Kommentar zum Beitrag „erste Eindrücke“ auch schon an, dass es Zeit braucht, um eine Partnerschaft zu entwickeln. Kommen dann „Störfaktoren“ wie Kind(er) und/oder Arbeitslosigkeit dazwischen, fängt man wieder von vorne an. Muss sich neu justieren. Einzeln und zusammen. Dieser Realismus, denn viele deutsche Pärchen, ob verheiratet oder unverheiratet, mit oder ohne Kinder, jeden Tag durchmachen, weht einem auf jeder Seite entgegen und findet ebenjene Entsprechung im „Abschluss“ des Romans, dass man einfach mehr miteinander reden muss, um sich die Probleme gar nicht erst zu schaffen. Es wird einem sozusagen nicht DAS Patentrezept vorgelegt, wie man Schwierigkeiten im Leben als Paar mit Kind zu meistern hat, aber es werden ein paar Punkte angebracht, die man beherzigen kann, aber nicht muss.

Warum also der beste deutsche zeitgenössische Roman im Jahr 2015?

Ich hoffe, ich konnte zusammen mit Claudia ein wenig darlegen, warum ich „Die Glücklichen“ als besten zeitgenössichen Roman dieses Jahr ansehe. Ich bin gespannt auf eure Antworten und ob ihr, so wie Claudia, Gegenbeispiele für das Jahr 2015 anbringt. Ich für meinen Teil muss aber auch so ehrlich zugeben, dass ich nicht so viele Neuerscheinungen dieses Jahr gelesen habe, da, um beim Thema zu bleiben, wegen den Kindern einfach die Muse fehlt. Jedoch würde ich diese Behauptung einfach aus meinem Erfahrungsschatz und aufgrund der Tatsache, dass der Roman meine Erwartungen an die Lektüre sogar übertroffen hat, aufrecht erhalten. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass dieses Buch, falls er nominiert wird, einer der größeren Favoriten auf den Gewinn des Deutschen Buchpreises ist. Verdient wäre es, da es endlich mal ein Roman ist, der die Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland in wenig überspitzter Form anhand eines Beispielpärchens aufzeigt. Meines Erachtens gab es davon in den letzten Jahren nicht viele (man darf mich aber gerne eines besseren belehren). Und, was noch wichtiger ist, es hätte endlich mal nicht mit der Wende oder überhaupt mit der deutschen Geschichte zu tun.

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Erste Eindrücke – Fragen tun sich auf

Gleich zu Beginn ist klar, Kristine Bilkau ist eine äußerst präzise Beobachterin. Sie seziert die Befindlichkeiten ihrer Protagonisten ganz genau, ohne sie zu zerfasern oder zu bewerten. Der direkte Blick wendet sich dem zu, was ich in Berlin tagtäglich ebenfalls beobachten kann: Die Menschen, die nicht unbedingt nach materiellem Reichtum streben und die Dinge, die sie gerne und mit Leidenschaft tun, zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen rudern, um ihren Lebensstandard halten zu können. Waren sie früher nur für sich verantwortlich, haben sie jetzt eine größere Verantwortung übernommen, die ihnen Druck macht, den sie nicht kennen. Sie haben eine Familie gegründet. Was das heißt kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man selbst Kind(er) hat. Plötzlich ist kaum Zeit für Dinge, die man früher immer tat, es ist immer irgendwas zu organisieren oder zu regeln … und das vor allem dann, wenn der Nachwuchs nicht ständig von anderen Menschen betreut werden soll.

Das ist eine Lebensrealität, die meiner nicht unähnlich ist. Und dennoch bleiben mir die Protagonisten erstaunlich fern. Was ich erkenne ist die Fremdbeherrschtheit durch das Kind, das alles ändert. Es ist gewollt und doch bringt es einen komplett an seine Grenzen. Kann man das, was Kristine Bilkau in den Anfangskapiteln beschreibt ohne eigenes Erleben nachvollziehen, erfassen? Die Szene, in der Isabell versucht zu üben, vorher den Kleinen zum Schlafen zu bringen und gleichzeitig unter Druck steht, weil die Handwerker gleich wieder anfangen könnten, Lärm zu machen ist so dicht, so genau, so bekannt geschildert, das ist unglaublich. Und doch habe ich das Gefühl, einen distanzierten Blick darauf zu bekommen, nicht in die Geschichte selbst abzutauchen.

Wie geht es euch, meinen Mitlesern, damit? Könnt ihr diesen äußerlichen Druck nachempfinden? Vielleicht nicht aus der Sicht der Eltern. Wie kommt ihr mit dem Stil dabei zurecht? Was geht / ging euch ganz am Anfang der Lektüre durch den Kopf? Das sind meine ersten Fragen … ich bin gespannt.

1. Leseprojekt – 8.8.2015: Kristine Bilkau: „Die Glücklichen“

Bilkau_1Bis zum 8.8.2015 werden wir Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“ lesen. Bis dahin werden wir schon Links zum Roman zusammentragen und Fragen formulieren, die sich uns beim Lesen stellen. Besprechungen gibt es schon auf folgenden Blogs:

Lesen macht glücklich

Das graue Sofa

Feiner Buchstoff