Kristine Bilkau über ihre Glücklichen

„Sie haben einen sehr hohen Glücksanspruch an sich selbst und wissen dabei nicht, dass sie auch ganz schön unter Leistungsanspruch dabei stehen“

Kristine Bilkau in einem interessanten Interview mit 3sat bei der Leipziger Buchmesse. Sie beantwortet einige der Fragen, die wir uns in der Diskussion schon gestellt haben: Zum Interview.

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Wissen „Die Glücklichen“, was Glück ist?

Wie Rüdiger Safranski in diesem Beitrag des Schweizer Fernsehens so schön temperamentvoll ausführt, ist „Die Glücklichen“ von einer heimlichen Soziologin geschrieben (übrigens, wie glücklich die Schweizer doch sind, soviel Platz für Literatur in ihrem TV-Programm zu haben – woran man schon sieht, wie relativ Glück zu bemessen ist – den anderen freut es, rund um die Uhr gedopte Sportler zu sehen).
Stimmt, man kann den Roman aus soziologischer Sicht lesen – was machen Globalisierung, Digitalisierung, Rationalisierung mit unserer Arbeitswelt und den Menschen aus, wie wirkt sich dies auf die einzelnen Schichten aus, bricht der Mittelstand weg, werden Freiberufler, Selbständige und andere verproletarisiert, entwickeln sich zwei Schichten?
Und psychologisch: Warum können die beiden nicht miteinander über die wesentlichen Dinge reden? Ich bin jetzt übrigens mit dem Roman durch, habe mich mit den Figuren auch mehr und mehr arrangieren können und weiß, dass der Grund für das Nicht-Reden-Können von Claudia in einem der vorigen Kommentare gut analysiert wurde… Aber dennoch: Traurig genug ist es, wenn sich in einer Beziehung dieses Schweigen so auftürmt.
Was Safranski als drittes Motiv für Romanschreibende nennt, ist die Theologie. Ich würde hier eher setzen: Es gibt Romane, die von heimlichen Philosophen geschrieben sind. Und dazu möchte ich einen Aspekt in den Ring werfen, der neben den „harten“ sozio- und psychologischen Fakten meiner Meinung nach nachdenkenswert ist:
Was ist Glück für „Die Glücklichen“?
An welchen Werten, Vorstellungen orientiert sich das Paar?
Ist der Leistungsdruck auch mit dadurch bedingt, dass „man“ in ein gewisses Milieu passen möchte?
Dass man sich auch von „den Spießern“ (dieses Wort fällt mehrfach) ebenso wie von der Elterngeneration abgrenzen will?
Dass beide sich unter Druck setzen, gemäß ihrer Normen „glücklich“ zu erscheinen?
Glücksorientierung geben: Schwedische Vorzeigefamilien, Fluchtgedanken bei der Suche nach Immobilien im Internet – so will man sein, so will man leben. Aber die Realität heißt Erika und sitzt hinter Kakteen, die insbesondere Isabell zunächst nicht akzeptieren will.

Ich denke, dass das Buch auch darum kreist – wie sehr Menschen im Kopf ihre Glücksvorstellungen pflegen (mir ging ständig während des Lesens die Kombination „Haus, Baum, Kind“ durch den Kopf und prompt wird es von der Autorin auch Georg in den Mund gelegt), sich in Träumen und Vorstellungen verfangen und dadurch das, was ist, auch was gut ist an ihrem Leben, aus den Augen verlieren.
Wilhelm Schmid bringt, was dieser allgegenwärtige Anspruch an ein „glückliches Leben“ mit uns macht, in seinem Büchlein „Unglücklichsein – Eine Ermutigung“ gut auf einen Punkt:
„Das übermäßige Reden über das Glück nährt die Illusion, es könne ein gelingendes Leben, eine gelingende Beziehung ohne Einbußen und Schattenseiten geben. Das führt dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein. Wer sich um jeden Preis aufs Glück kapriziert und keinerlei Unglücklichsein akzeptiert, macht sich noch unglücklicher, wenn er bemerkt, dass die Schattenseiten des Glücks nicht einfach auszublenden sind. Im Kampf gegen sie verliert er die Kraft, die nötig wäre, um sie besser zu bewältigen, und die darauf folgende Entkräftung steigert noch das Unglücklichsein.“

Nebst „Haus, Baum, Kind“ ging mir zudem beim Lesen stets der Adorno-Satz durch den Kopf: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“