„Die Glücklichen“ – Unser Resümee des ersten gemeinsamen Lesenprojektes

[Claudia:] Zwar steht noch ein Beitrag zu unserem Leseprojekt „Die Glücklichen“ aus, doch wollen wir trotzdem schon einmal darüber reflektieren, wie es denn gelaufen ist, unseres erstes gemeinsames Lesen.

Wie bei einem Leseaustausch in der realen Welt auch, habe ich bei unserem virtuellen Austausch sehr geschätzt, mich mit unterschiedlichen Blickwinkel auf den Roman auseinandersetzen zu können. Da gab es diejenigen unter uns, die sich ganz schnell hineingezogen fühlten in die Geschichte, die anderen, die durchaus mit skeptischem Blick auf den Roman blickten, und beide Seiten haben viele gute und überzeugende Argumente für ihren Standpunkt angeführt. Für mich hat das noch einmal andere Perspektiven eröffnet, ich schaue nunmehr durchaus kritischer hin, sehe aber auch meine Begeisterung bestätigt.

Dass dieser Roman offensichtlich polarisiert, hat auch mein realer Lesesalon gezeigt, in dem auch genau die beiden sehr gegensätzlichen Pole eine Rolle spielten: die intensive Erinnerung an eigene ähnliche Erlebnisse stand der kritischen Haltung gegenüber, die Geschichte sei belanglos, die Protagonisten die Vertreter einer zu sehr gehätschelten Y-Generation und dies wurde bis in den Inhalt, in die Gestaltung der Geschichte und die poetische Machart jeweils engagiert nachgewiesen.

Mir also hat dieser disparate Blick auf „Die Glücklichen“ sehr gut gefallen; ich habe meiner eigenen Blickweise auf den Roman andere Perspektiven hinzufügen können, habe Einblicke bekommen in andere Wahrnehmungen, in andere Deutungen und so nun einen viel umfassenderen und tieferen Blick auf den Roman. Auch wenn die Tage der intensiven Auseinandersetzung via Blog recht anstrengend werden – viel anstrengender übrigens als es ein mündlicher Austausch quer über den Tisch und bei einem Stück Kuchen oder einem Glas Wein – , so bietet dieser Austausch aber doch eine weitere tolle Möglichkeit, über Literatur ins Gespräch zu kommen, ganz nach Tobias´ Forderung „Lasst uns doch endlich wieder über Literatur reden“.

Ich freue mich auf unser nächstes Projekt. Und Ihr?

[Tobias:] Für mich war der Austausch über „Die Glücklichen“ auch sehr bereichernd, bereichernder als die Lektüre an sich, denn das Buch hat mich eher kalt gelassen. Am Schluß blieb für mich das Gefühl, die Autorin hat aus den spannenden Eckdaten (sozialer Abstieg der Mittelschicht, Gentrifizierung, Kreativberufe, persönliches Glück) nichts gemacht, was mir neue Sichtweisen eröffnen könnte. Eine vertane Chance, zudem fiel das Buch literarisch sehr kühl aus. Die Diskussion mit Euch anderen hat mir aber eine Erklärung geliefert, warum dieser Roman so erfolgreich wurde: es besteht ein Bedarf an Büchern über diese Entwicklungen und Lebenssituationen. Vielleicht wird ja bei kommenden Romanen etwas pointierter und packender, vielleicht auch krtischer darüber geschrieben?

Die Freude über kommende Diskussionen ist natürlich ganz meinerseits, jetzt ruft mich aber erstmal das Projekt http://frau-und-gitarre.de Dort werde ich an der Debatte über den neuen Roman von Clemens J. Setz teilnehmen.

[Marc:]
Lasst uns über Bücher reden. Mit diesem Satz (etwas entfremdet) fing alles an, als Tobias, genervt ob der Diskussion über das zweifelnde Selbstverständnis der Literaturblogger und ob diese je an das Feuilleton heranreichen werden, eben jenen Vorschlag brachte. Das daraus spontan ein Blog entsteht war sicher nicht Tobias‘ Absicht, als er seinen Beitrag online stellte. Dann ging es aber doch ganz schnell und „Let’s talk about books“ wurde aus der Taufe gehoben. Die Feuerprobe bestand aus dem Roman „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau, welcher sich zum Zeitpunkt der Entscheidung, auf welches Buch wir uns als erstes fokussieren wollen, genau richtig anfühlte. Sozialer Abstieg, Gründung einer Familie, Zukunftsangst, Klammern an der Vergangenheit und aus alldem folgend psychischer Stress, der sich auch körperlich niederschlägt – das alles bringt die Autorin im Buch unter und erzählt davon relativ distanziert, beobachtend. Eigentlich Themen, die uns alltäglich begleiten und bei denen man nicht wegschauen sollte, gerade weil es eher im Verborgenen passiert.

Doch die Wirklichkeit holte das biedere Thema ein und Geschichten aktuellerem Ausmaßes kamen ins Bild. Gegenüber dem was die Flüchtlinge durchmachen mussten/müssen waren die Probleme aus dem von uns ausgesuchten Buch nur noch bedeutungslos, klein, nichtig. Es machten sich Abnutzungserscheinungen bei allen Beteiligten des neuen Blogs breit. Auch bei mir, der eigentlich (gefühlt) am enthusiastischstem über das Buch geschrieben hat. Es war zu spüren, dass wir alle aus verschiedenen Gründen keine Lust mehr hatten, etwas über dieses Buch zu schreiben. Vor allem bei dem Interview mit der Autorin, welches noch der Veröffentlichung harrt (ich erwarte noch ein grünes Licht), habe ich gemerkt, dass mir nichts mehr so richtig zu dem Thema oder zum literarischen Aspekt dieses Buches einfällt, was ich Frau Bilkau hätte fragen können, und habe mich da eher durchgewurschtelt, als wirklich etwas substantielles daraus zu machen – sozusagen einen Kracher zum Abschluss unserer ersten Diskussionsrunde.

Und doch empfand ich diesen ersten Beitrag, um endlich wieder über Literatur zu reden, als wohltuend und bereichernd. Man saß nicht mehr alleine im stillen Kämmerlein, schreibt seine Rezension und lässt diese auf seinem eigenen Blog los, um ein paar Likes, vielleicht einen Kommentar einzufangen. Die eigene Meinung konnte mit der Meinung anderer abgeglichen werden, man konnte Sichtweisen gegenüberstellen, Debatten ausfechten und versuchen, dabei standhaft zu bleiebn. Dazu bot sich dieses Buch als erster, sanfter Einstieg gut an – zum einander kennen lernen und zum Bekannt machen des Blogs. Es war für mich eine schöne Erfahrung, die ich gerne wiederholen möchte. Gern mit allen, die beim Pilotprojekt dabei waren und gern auch Zuzöglingen.

Als Fazit bleibt zu sagen: Der Einstieg ist uns gelungen (klopfen wir uns mal alle auf die Schulter?), aber es gibt sicher Verbesserungspotential. Was für Punkte man anders angehen kann oder was man noch hinzufügen könnte? Ich weiß es ehrlich noch nicht (habt ihr Ideen?) Das bereden wir sicher im Hintergrund, wenn es wieder heißt „Lasst uns über Bücher reden“.

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2 Gedanken zu „„Die Glücklichen“ – Unser Resümee des ersten gemeinsamen Lesenprojektes“

  1. ich fand die mehr oder minder (weil zeitlich nicht ganz gleichzeitig) gemeinsame Lektüre und das Reden darüber sehr inspirierend – und wär zu allen Schandtaten bereit. Allerdings war viel los in den letzten Monaten … Ich freue mich auf ein Neues Leseprojekt – wenn die stade Zeit vorbei ist, wirds auch wieder ruhiger (Karl Valentin).
    Liebe Grüße, Brigitte

    Gefällt 1 Person

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