Wissen „Die Glücklichen“, was Glück ist?

Wie Rüdiger Safranski in diesem Beitrag des Schweizer Fernsehens so schön temperamentvoll ausführt, ist „Die Glücklichen“ von einer heimlichen Soziologin geschrieben (übrigens, wie glücklich die Schweizer doch sind, soviel Platz für Literatur in ihrem TV-Programm zu haben – woran man schon sieht, wie relativ Glück zu bemessen ist – den anderen freut es, rund um die Uhr gedopte Sportler zu sehen).
Stimmt, man kann den Roman aus soziologischer Sicht lesen – was machen Globalisierung, Digitalisierung, Rationalisierung mit unserer Arbeitswelt und den Menschen aus, wie wirkt sich dies auf die einzelnen Schichten aus, bricht der Mittelstand weg, werden Freiberufler, Selbständige und andere verproletarisiert, entwickeln sich zwei Schichten?
Und psychologisch: Warum können die beiden nicht miteinander über die wesentlichen Dinge reden? Ich bin jetzt übrigens mit dem Roman durch, habe mich mit den Figuren auch mehr und mehr arrangieren können und weiß, dass der Grund für das Nicht-Reden-Können von Claudia in einem der vorigen Kommentare gut analysiert wurde… Aber dennoch: Traurig genug ist es, wenn sich in einer Beziehung dieses Schweigen so auftürmt.
Was Safranski als drittes Motiv für Romanschreibende nennt, ist die Theologie. Ich würde hier eher setzen: Es gibt Romane, die von heimlichen Philosophen geschrieben sind. Und dazu möchte ich einen Aspekt in den Ring werfen, der neben den „harten“ sozio- und psychologischen Fakten meiner Meinung nach nachdenkenswert ist:
Was ist Glück für „Die Glücklichen“?
An welchen Werten, Vorstellungen orientiert sich das Paar?
Ist der Leistungsdruck auch mit dadurch bedingt, dass „man“ in ein gewisses Milieu passen möchte?
Dass man sich auch von „den Spießern“ (dieses Wort fällt mehrfach) ebenso wie von der Elterngeneration abgrenzen will?
Dass beide sich unter Druck setzen, gemäß ihrer Normen „glücklich“ zu erscheinen?
Glücksorientierung geben: Schwedische Vorzeigefamilien, Fluchtgedanken bei der Suche nach Immobilien im Internet – so will man sein, so will man leben. Aber die Realität heißt Erika und sitzt hinter Kakteen, die insbesondere Isabell zunächst nicht akzeptieren will.

Ich denke, dass das Buch auch darum kreist – wie sehr Menschen im Kopf ihre Glücksvorstellungen pflegen (mir ging ständig während des Lesens die Kombination „Haus, Baum, Kind“ durch den Kopf und prompt wird es von der Autorin auch Georg in den Mund gelegt), sich in Träumen und Vorstellungen verfangen und dadurch das, was ist, auch was gut ist an ihrem Leben, aus den Augen verlieren.
Wilhelm Schmid bringt, was dieser allgegenwärtige Anspruch an ein „glückliches Leben“ mit uns macht, in seinem Büchlein „Unglücklichsein – Eine Ermutigung“ gut auf einen Punkt:
„Das übermäßige Reden über das Glück nährt die Illusion, es könne ein gelingendes Leben, eine gelingende Beziehung ohne Einbußen und Schattenseiten geben. Das führt dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein. Wer sich um jeden Preis aufs Glück kapriziert und keinerlei Unglücklichsein akzeptiert, macht sich noch unglücklicher, wenn er bemerkt, dass die Schattenseiten des Glücks nicht einfach auszublenden sind. Im Kampf gegen sie verliert er die Kraft, die nötig wäre, um sie besser zu bewältigen, und die darauf folgende Entkräftung steigert noch das Unglücklichsein.“

Nebst „Haus, Baum, Kind“ ging mir zudem beim Lesen stets der Adorno-Satz durch den Kopf: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

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SätzeundSchätze

Das Literaturblog Sätze&Schätze gibt es seit 2013. Gegründet aus dem Impuls heraus, über Literatur und Bücher zu schreiben und mit anderen zu diskutieren.

8 Gedanken zu „Wissen „Die Glücklichen“, was Glück ist?“

    1. Sicher ist das ein Aspekt: Dass man im beruflichen Umfeld, aber oft genug auch im Privaten dazu gezwungen ist, eine funktionierende Fassade aufrechtzuerhalten. Mir ging es aber auch um die Ansprüche, die man an sich selber stellt und die bei den Beiden ja offensichtlich auch eine große Rolle spielen – so ist ein Thema, das ja auch nicht ausgesprochen wird, dass keiner der beiden in seinem Beruf eine wirklich tolle Position hat (sie spielt aushilfsweise im Musical, er ist zuständig für „Vermischtes). Keiner also es wirklich an die Spitze geschafft hat – was ja bei solchen Berufen nicht nur mit Talent, sondern auch mit Selbstmarketing, mit Disziplin und sicher auch mit dem Quäntchen Glück, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt kennenzulernen, zu tun hat. Ich habe das auch bei Schulfreunden von mir erlebt, die eine, die Pianistin werden wollte und nun Musiklehrerin ist, der andere, der sich schon beim Spiegel sah. Geplatzte Träume – das kann einem schwer zu schaffen machen. Aber dann ist es vielleicht auch wichtig, selbstrealistisch zu sein. Ich denke, diese Frustration schimmert vor allem bei Isabel durch.

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  1. Ich glaube, für viele Menschen heutzutage ist tatsächlich das Gegesatzpaar Glück vs. Scheitern zentral. Ständig werden Versprechungen gemacht, dass alles planbar wäre. Versicherungen, Altersvorsorge, Familienplanung. Der Zufall soll ausgeschalten werden. Die Scheidungsstatistik spricht dann eine andere Sprache, wird aber geflissentlich ausgeblendet. Glück ist nicht planbar.

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    1. Aber wie definiert man Scheitern? Das ist eine spannende Diskussion – ich meine, Glück empfindet man und ich denke, jeder etwas anders. Scheitern ist gesellschaftlich definierbar und persönlich. Ich empfinde gewisse Dinge oder Situationen, die gesellschaftlich als Versagen oder Scheitern definiert werden eher als Erfahrungen. Die persönliche Weltsicht ist da schon sehr entscheidend.

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      1. Das sehe ich auch ähnlich. Hans Magnus Enzensberger hat ja ein schönes Buch über seine Flops geschrieben – die er nicht als negative Flecken sieht, sondern als Erfahrungen, von denen er lernte. Aber diese Fähigkeit, die Krise als persönliche Chance zu nutzen, hängt sicher auch mit der eigenen charakterlichen Disposition zusammen.

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  2. Liebe Birgit,
    die Frage nach dem Glück ist mit Blick auf den Titel ja eine ganz spannende, eine ganz entscheidende. Ich habe mich bisher immer ein wenig darum herum genogelt, mir einen Reim darauf zu machen. Aber mit Deinen Glücksüberlegungen hast Du da etwas losgetreten.
    Nun also meine – küchen-philosophischen – Überlegungen:
    Ich sehe es den Aspekt Glück vs.Scheitern wieder mehr als Entwicklungsprozess, den Bilkau uns unter ihrer literarischen Lupe ganz genau zeigt.
    Isabell und Goerg haben sich ein Leben aufgebaut, entstanden aus Entscheidungen, die teils besusst, vielleicht manchmal auch unbewusst getroffen worden sind. Das Leben besteht eben aus den Eckpunkten Familie, Berufe, Wohnung (es gibt übrigens überraschend wenig Freunde, die beiden stehen ziemlich alleine da). Wie diese Facetten des Lebens gestaltet sind, hat sicherlich etwas mit ihren Vorstellungen von Glück – oder eine Ebene neutraler – Zufriedenheit zu tun. Denn sie haben eben genau nicht das Leben auf dem Land und im Bauerhaus gewählt, der Journalist, der auch noch ein paar Ziegen und Hühner hält und im eigenen Wäldchen Holz für den Winter schlägt, sie wohnen nicht im richtig schicken Hamburger Viertel, sie wohnen nicht in einer WG, nicht im Doppelhaus am Stadtrand. Und das Wohnen ist jetzt einmal nur ein Beispiel für ihre Lebenskonzeption mit Blick auf ein zufriedenes, ein sinnvolles, ein glückliches Leben.
    Und nun kommen diese Einbrüche, Isabells Angst, möglicherweise ausgelöst oder verstärkt durch Mattis Geburt und sein Auf-der-Welt-sein, Georgs Arbeitslosigkeit. Es wird sich etwas verändern in ihrem Leben. Und diese Veränderung ist erst einmal ein tiefer Einschnitt in ihr Glück. Da beide ihre jeweils eigenen Rückschläge haben, außerdem auch noch ihre rührende Sorge um Matti, müssen sie beide erst einmal versuchen, diese Veränderungen zu begreifen und zu verarbeiten, die Scham, versagt zu haben spielt hier eine Rolle. Und dieser Prozess dauert, ist vielleicht so eine Art Trauerprozess. Und ich finde auch gut, dass sie trauern, denn wenn sie sich schnell und flexibel auf ihre neue Situation einstellen würde – da wären wir dann wieder bei den Forderungen unserer kapitalistischen Glücklichkeits-Doktrin -, dann wäre ja ihr bisheriges Leben, ihre Vorstellungen von Glück, ohne Bedeutung, das alles hätte keinen Wert. So ist es aber gerade nicht: Ihre Vorstellungen vom Glück haben einen Wert und Isabell und Georg müssen sich mühsam einen Weg suchen, dies zu verstehen, darüber zu trauern, um sich dann erst neu erfinden zu können.
    Diesen Weg beschreibt Bilkau, und auch wenn sie keine Lösung aufzeigt – was Marc ja schon gelobt hat – so zeigt die doch am Ende des Romans Entwicklungen, die die beiden in Zukunft nutzen können. Zumindest Isabell scheint ja, man kann es beim Flohmarkt in Erikas Wohnung erkennen, wieder handlungsfähig zu werden, scheint sich auf alte Stärken zu besinnen, hat neue Ideen.
    Und da die beiden sich auf diesem Weg nicht verloren haben – was ja auch mal schnell passieren kann in solchen Situationen – kommen sie vielleicht doch noch „glücklich“ aus der Sache heraus, können sich neu orientieren und ausloten, was für sie in der Zukunft ein Leben mit Sinn, ein glückliches Leben sein könnte.

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    1. Ich denke, wie im obigen Kommentar, dass das „Unglück“ der beiden schon auch ein wenig vor den Einschnitten mit der Arbeitslosigkeit kam, dass da vielleicht – trotz Kind – auch Unzufriedenheit da war. Was ich auffällig finde: Beide denken sich schon im ersten Teil, bevor ja die wirklichen Einschnitte kommen, ein späteres Leben aus ohne den anderen….

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