„Die Glücklichen“ – Unser Resümee des ersten gemeinsamen Lesenprojektes

[Claudia:] Zwar steht noch ein Beitrag zu unserem Leseprojekt „Die Glücklichen“ aus, doch wollen wir trotzdem schon einmal darüber reflektieren, wie es denn gelaufen ist, unseres erstes gemeinsames Lesen.

Wie bei einem Leseaustausch in der realen Welt auch, habe ich bei unserem virtuellen Austausch sehr geschätzt, mich mit unterschiedlichen Blickwinkel auf den Roman auseinandersetzen zu können. Da gab es diejenigen unter uns, die sich ganz schnell hineingezogen fühlten in die Geschichte, die anderen, die durchaus mit skeptischem Blick auf den Roman blickten, und beide Seiten haben viele gute und überzeugende Argumente für ihren Standpunkt angeführt. Für mich hat das noch einmal andere Perspektiven eröffnet, ich schaue nunmehr durchaus kritischer hin, sehe aber auch meine Begeisterung bestätigt.

Dass dieser Roman offensichtlich polarisiert, hat auch mein realer Lesesalon gezeigt, in dem auch genau die beiden sehr gegensätzlichen Pole eine Rolle spielten: die intensive Erinnerung an eigene ähnliche Erlebnisse stand der kritischen Haltung gegenüber, die Geschichte sei belanglos, die Protagonisten die Vertreter einer zu sehr gehätschelten Y-Generation und dies wurde bis in den Inhalt, in die Gestaltung der Geschichte und die poetische Machart jeweils engagiert nachgewiesen.

Mir also hat dieser disparate Blick auf „Die Glücklichen“ sehr gut gefallen; ich habe meiner eigenen Blickweise auf den Roman andere Perspektiven hinzufügen können, habe Einblicke bekommen in andere Wahrnehmungen, in andere Deutungen und so nun einen viel umfassenderen und tieferen Blick auf den Roman. Auch wenn die Tage der intensiven Auseinandersetzung via Blog recht anstrengend werden – viel anstrengender übrigens als es ein mündlicher Austausch quer über den Tisch und bei einem Stück Kuchen oder einem Glas Wein – , so bietet dieser Austausch aber doch eine weitere tolle Möglichkeit, über Literatur ins Gespräch zu kommen, ganz nach Tobias´ Forderung „Lasst uns doch endlich wieder über Literatur reden“.

Ich freue mich auf unser nächstes Projekt. Und Ihr?

[Tobias:] Für mich war der Austausch über „Die Glücklichen“ auch sehr bereichernd, bereichernder als die Lektüre an sich, denn das Buch hat mich eher kalt gelassen. Am Schluß blieb für mich das Gefühl, die Autorin hat aus den spannenden Eckdaten (sozialer Abstieg der Mittelschicht, Gentrifizierung, Kreativberufe, persönliches Glück) nichts gemacht, was mir neue Sichtweisen eröffnen könnte. Eine vertane Chance, zudem fiel das Buch literarisch sehr kühl aus. Die Diskussion mit Euch anderen hat mir aber eine Erklärung geliefert, warum dieser Roman so erfolgreich wurde: es besteht ein Bedarf an Büchern über diese Entwicklungen und Lebenssituationen. Vielleicht wird ja bei kommenden Romanen etwas pointierter und packender, vielleicht auch krtischer darüber geschrieben?

Die Freude über kommende Diskussionen ist natürlich ganz meinerseits, jetzt ruft mich aber erstmal das Projekt http://frau-und-gitarre.de Dort werde ich an der Debatte über den neuen Roman von Clemens J. Setz teilnehmen.

[Marc:]
Lasst uns über Bücher reden. Mit diesem Satz (etwas entfremdet) fing alles an, als Tobias, genervt ob der Diskussion über das zweifelnde Selbstverständnis der Literaturblogger und ob diese je an das Feuilleton heranreichen werden, eben jenen Vorschlag brachte. Das daraus spontan ein Blog entsteht war sicher nicht Tobias‘ Absicht, als er seinen Beitrag online stellte. Dann ging es aber doch ganz schnell und „Let’s talk about books“ wurde aus der Taufe gehoben. Die Feuerprobe bestand aus dem Roman „Die Glücklichen“ von Kristine Bilkau, welcher sich zum Zeitpunkt der Entscheidung, auf welches Buch wir uns als erstes fokussieren wollen, genau richtig anfühlte. Sozialer Abstieg, Gründung einer Familie, Zukunftsangst, Klammern an der Vergangenheit und aus alldem folgend psychischer Stress, der sich auch körperlich niederschlägt – das alles bringt die Autorin im Buch unter und erzählt davon relativ distanziert, beobachtend. Eigentlich Themen, die uns alltäglich begleiten und bei denen man nicht wegschauen sollte, gerade weil es eher im Verborgenen passiert.

Doch die Wirklichkeit holte das biedere Thema ein und Geschichten aktuellerem Ausmaßes kamen ins Bild. Gegenüber dem was die Flüchtlinge durchmachen mussten/müssen waren die Probleme aus dem von uns ausgesuchten Buch nur noch bedeutungslos, klein, nichtig. Es machten sich Abnutzungserscheinungen bei allen Beteiligten des neuen Blogs breit. Auch bei mir, der eigentlich (gefühlt) am enthusiastischstem über das Buch geschrieben hat. Es war zu spüren, dass wir alle aus verschiedenen Gründen keine Lust mehr hatten, etwas über dieses Buch zu schreiben. Vor allem bei dem Interview mit der Autorin, welches noch der Veröffentlichung harrt (ich erwarte noch ein grünes Licht), habe ich gemerkt, dass mir nichts mehr so richtig zu dem Thema oder zum literarischen Aspekt dieses Buches einfällt, was ich Frau Bilkau hätte fragen können, und habe mich da eher durchgewurschtelt, als wirklich etwas substantielles daraus zu machen – sozusagen einen Kracher zum Abschluss unserer ersten Diskussionsrunde.

Und doch empfand ich diesen ersten Beitrag, um endlich wieder über Literatur zu reden, als wohltuend und bereichernd. Man saß nicht mehr alleine im stillen Kämmerlein, schreibt seine Rezension und lässt diese auf seinem eigenen Blog los, um ein paar Likes, vielleicht einen Kommentar einzufangen. Die eigene Meinung konnte mit der Meinung anderer abgeglichen werden, man konnte Sichtweisen gegenüberstellen, Debatten ausfechten und versuchen, dabei standhaft zu bleiebn. Dazu bot sich dieses Buch als erster, sanfter Einstieg gut an – zum einander kennen lernen und zum Bekannt machen des Blogs. Es war für mich eine schöne Erfahrung, die ich gerne wiederholen möchte. Gern mit allen, die beim Pilotprojekt dabei waren und gern auch Zuzöglingen.

Als Fazit bleibt zu sagen: Der Einstieg ist uns gelungen (klopfen wir uns mal alle auf die Schulter?), aber es gibt sicher Verbesserungspotential. Was für Punkte man anders angehen kann oder was man noch hinzufügen könnte? Ich weiß es ehrlich noch nicht (habt ihr Ideen?) Das bereden wir sicher im Hintergrund, wenn es wieder heißt „Lasst uns über Bücher reden“.

Auf der Suche nach Ton und Stil – ein zweiter Blick

Nun ist meine Lektüre von Kristine Bilkaus „Die Glücklichen“ erst einige Wochen her, aber ich kann mich bereits kaum mehr an das Buch erinnern. Für unsere Blogrunde, die gemeinsam den Roman gelesen hat, wollte ich noch ein paar Zeilen über die Poetik und den Erzählstil Bilkaus schreiben. Wenn ich nur noch wüsste, wie sich das so las, damals…

Also flugs den Roman nochmal aus dem Regal gezogen, das Gedächtnis aufgefrischt und frisch drauflos analysiert. Was mir noch sehr in Erinnerung ist: dieses Grundgefühl von Distanz, das ich beim Lesen empfunden habe. Beim Aufschlagen des Buches finde ich auf den ersten Blick keine Anzeichen, woran das gelegen haben mag. Kristine Bilkau erzählt als auktoriale Erzählerin, die stark auf die erlebte Rede setzt. So vermittelt sie uns die Gedankengänge ihrer Figuren Isabell und Georg und schreibt dennoch in der dritten Person. Man muss diese Erzähltechnik nicht grundlegend ablehnen wie W. G. Sebald, der sie vor gut 20 Jahren für überholt erklärte. Viele zeitgenössische Romane sind auf diese Weise verfasst. Warum das Gefühl von Distanz? Ich suche weiter.

Beim Wiederlesen längerer Passagen fällt mir auf, dass ich über fast nichts stolpere. Kaum Beschreibungen oder Details, die mir ein Runzeln auf die Stirn zeichnen könnten, aber auch kein Schmunzeln in die Mundwinkel, weil eine Situation so gut getroffen wurde. Alles scheint bekannt, nichts überraschend, mir geht kein Licht auf. Das könnte natürlich damit zu tun haben, wie vertraut mir die Erlebniswelt von Isabell und Georg ist. Großstadt, Altbau, Kulturberuf. Aber schaffen es geschickte Schriftsteller_innen nicht, sogar Eis an Eskimos zu verkaufen, will sagen: dem Publikum das Bekannte als etwas völlig neues zu beschreiben? Oder glaubt die Autorin, die beschriebenen Lebensaspekte allein könnten für den Großteil ihrer Leser_innen neuartig und spannend sein? Gäbe es nicht Momente, in denen Details zum Leuchten gebracht werden könnten um eine überraschende Perspektive auf Alltäglichkeiten zu werfen?

Ich denke, Kristine Bilkau hat sich dagegen entschieden, so über Isabell und Georg zu schreiben. Sie hat einen sehr sachlichen Ton gewählt, absichtlich. Sie baut darauf, dass Momente des Wiedererkennens ausreichen, um das Publikum zu fesseln. Deshalb müssen die Kontraste nicht scharf ausfallen, es genügt, wenn sie stimmig sind, wenn die Beschreibungen von vorne bis hinten nachvollziehbar erscheinen, aber eben nicht mehr.

Was dieser Erzählton nicht verströmt ist Magie, nicht einmal Charme. Wirklich kein Satz erscheint mir hier unterstreichenswert, der zweite Blick ins Buch erschüttert mich fast. Die Autorin ist auch Journalistin, vielleicht hat diese Profession auf ihre Prosa abgefärbt?

Vielleicht wäre „Die Glücklichen“ in einem anderen Leben schlicht eine wunderbare Reportage geworden?

Kristine Bilkau über ihre Glücklichen

„Sie haben einen sehr hohen Glücksanspruch an sich selbst und wissen dabei nicht, dass sie auch ganz schön unter Leistungsanspruch dabei stehen“

Kristine Bilkau in einem interessanten Interview mit 3sat bei der Leipziger Buchmesse. Sie beantwortet einige der Fragen, die wir uns in der Diskussion schon gestellt haben: Zum Interview.

Ihr seid mir so fremd, ihr Glücklichen!

Fast wäre dieser Beitrag ein Brief geworden an Isabell und Georg, die beiden „Glücklichen“ in Kristine Bilkaus Roman. In den letzten Tagen durfte ich sie näher kennenlernen, aber es ist eine oberflächliche Bekanntschaft geblieben, denn die beiden sind charakterlich ein wenig blass.

Um präziser zu sein: sie sind mir fremd geblieben, ihre Überzeugungen, ihre Träume, ihre dunklen Leidenschaften, ihre Freuden. Ich durfte diese Seiten von Isabell und Georg bei der Lektüre kaum erfahren. Natürlich, es gibt uneingestandene Verlockungen. Isabell ist heimlicher Fan des Blogs einer glücklichen holländischen Familie, Georg surft gerne auf Immobilienportalen und – huch! – begehrt in einem schwachen Moment eine Neohippieselbstversorger-Frau, die ihn bei einer Recherche beeindruckte. Das war es dann aber auch, was die beiden an Untiefen zu bieten haben. Vielleicht hätte dieser Roman auch „Die Unschuldigen“ heißen können?

Womit wir beim Hauptproblem sind. Der Kokon, in den sich Isabell und Georg eingesponnen haben, ist nicht besonders geräumig. Die große, weite Welt hat hier keinen Platz – wie Claudia hier in einem Beitrag schon feststellte, gibt es nicht mal echte Freunde im Alltag des Paares. Alle Probleme, die über die Schlange beim Biobäcker und die Mieterhöhungen im Viertel (die einem natürlich erst dann auffallen, wenn sie einen selbst betreffen) hinausgehen, finden hier nicht statt. Es ist alles sehr privat in der kleinen Biedermeier-Blase von Isabell und Georg. Dass da draußen noch was anderes passiert, fällt den beiden erst auf, als sie ihre Arbeit verlieren. Sie werden zu Opfern von Prozessen, die sie nicht verstehen – und auch nicht verstehen wollen. Lieber frönen sie dem Eskapismus und der Verdrängung. Haben sie es nie gelernt, die Zusammenhänge zu hinterfragen? Oder haben sie Angst davor, sich selbst als Teil des Problems zu erkennen?

Ich tue mich schwer mit der Opferrolle, in der Isabell und Georg in dem Roman dargestellt werden. Eine Perspektive, die durchaus weit verbreitet ist in der deutschen Gesellschaft. Ein Land der Zukurzgekommenen, das vermeintlich ohne eigenes Zutun in die Bredouille gerät oder – noch schlimmer – die Gründe für alles Schlechte gerne wo anders sucht (Russland! Amerika! China! Die Ostdeutschen! Der Nachbar! Die Ausländer!). Nun gut, letzteres passiert im Roman nicht, aber der Grat ist schmal, die gutbürgerlichen Sarrazin-Leser wohnen gleich nebenan…

Gegen Ende kommt bei Isabell und Georg ein Denkprozess in Gang, der aber nur subtil angedeutet wird. Teilen, sich mit weniger zufrieden geben. Das klingt erstmal vernünftig, wird aber in diesem Roman zu einer Geste der Passivität, weil weder Isabell noch Georg ran wollen an den Speck der größeren Zusammenhänge.

Kristine Bilkau hat die subtile Schilderung als Grundton ihres Romans gewählt. Sie blickt distanziert, aber respektvoll auf ihre zwei Hauptprotagonist_innen. Das ist eine durchaus gelungene Darstellung, aber nicht die große Zeitdiagnose oder das Generationenportrait, das mancher Feuilletonartikel in „Die Glücklichen“ sehen wollte. Dazu fehlt dem Buch eine Ahnung von den komplexen Zusammenhängen unserer Gegenwart.

Wahrscheinlich wollte Kristine Bilkau es so, sie wollte ein beobachtendes, aber kein antibürgerliches Buch schreiben, mit sowas vergrätzt man heutzutage ja auch gleich die Zielgruppe. Etwas mehr Schärfe hätte aber sein dürfen, ein Ausloten der dunklen Flecken auf den Seelen von Isabell und Georg. Dann wäre mir ihr Schicksal vielleicht nahe gegangen und hätte mich dieser Roman nicht so indifferent zurückgelassen.

Soweit meine ketzerischen Thesen, hier und jetzt zur (hoffentlich lebendigen) Diskussion gestellt!

 

Wissen „Die Glücklichen“, was Glück ist?

Wie Rüdiger Safranski in diesem Beitrag des Schweizer Fernsehens so schön temperamentvoll ausführt, ist „Die Glücklichen“ von einer heimlichen Soziologin geschrieben (übrigens, wie glücklich die Schweizer doch sind, soviel Platz für Literatur in ihrem TV-Programm zu haben – woran man schon sieht, wie relativ Glück zu bemessen ist – den anderen freut es, rund um die Uhr gedopte Sportler zu sehen).
Stimmt, man kann den Roman aus soziologischer Sicht lesen – was machen Globalisierung, Digitalisierung, Rationalisierung mit unserer Arbeitswelt und den Menschen aus, wie wirkt sich dies auf die einzelnen Schichten aus, bricht der Mittelstand weg, werden Freiberufler, Selbständige und andere verproletarisiert, entwickeln sich zwei Schichten?
Und psychologisch: Warum können die beiden nicht miteinander über die wesentlichen Dinge reden? Ich bin jetzt übrigens mit dem Roman durch, habe mich mit den Figuren auch mehr und mehr arrangieren können und weiß, dass der Grund für das Nicht-Reden-Können von Claudia in einem der vorigen Kommentare gut analysiert wurde… Aber dennoch: Traurig genug ist es, wenn sich in einer Beziehung dieses Schweigen so auftürmt.
Was Safranski als drittes Motiv für Romanschreibende nennt, ist die Theologie. Ich würde hier eher setzen: Es gibt Romane, die von heimlichen Philosophen geschrieben sind. Und dazu möchte ich einen Aspekt in den Ring werfen, der neben den „harten“ sozio- und psychologischen Fakten meiner Meinung nach nachdenkenswert ist:
Was ist Glück für „Die Glücklichen“?
An welchen Werten, Vorstellungen orientiert sich das Paar?
Ist der Leistungsdruck auch mit dadurch bedingt, dass „man“ in ein gewisses Milieu passen möchte?
Dass man sich auch von „den Spießern“ (dieses Wort fällt mehrfach) ebenso wie von der Elterngeneration abgrenzen will?
Dass beide sich unter Druck setzen, gemäß ihrer Normen „glücklich“ zu erscheinen?
Glücksorientierung geben: Schwedische Vorzeigefamilien, Fluchtgedanken bei der Suche nach Immobilien im Internet – so will man sein, so will man leben. Aber die Realität heißt Erika und sitzt hinter Kakteen, die insbesondere Isabell zunächst nicht akzeptieren will.

Ich denke, dass das Buch auch darum kreist – wie sehr Menschen im Kopf ihre Glücksvorstellungen pflegen (mir ging ständig während des Lesens die Kombination „Haus, Baum, Kind“ durch den Kopf und prompt wird es von der Autorin auch Georg in den Mund gelegt), sich in Träumen und Vorstellungen verfangen und dadurch das, was ist, auch was gut ist an ihrem Leben, aus den Augen verlieren.
Wilhelm Schmid bringt, was dieser allgegenwärtige Anspruch an ein „glückliches Leben“ mit uns macht, in seinem Büchlein „Unglücklichsein – Eine Ermutigung“ gut auf einen Punkt:
„Das übermäßige Reden über das Glück nährt die Illusion, es könne ein gelingendes Leben, eine gelingende Beziehung ohne Einbußen und Schattenseiten geben. Das führt dazu, bei einem Scheitern doppelt und dreifach unglücklich zu sein. Wer sich um jeden Preis aufs Glück kapriziert und keinerlei Unglücklichsein akzeptiert, macht sich noch unglücklicher, wenn er bemerkt, dass die Schattenseiten des Glücks nicht einfach auszublenden sind. Im Kampf gegen sie verliert er die Kraft, die nötig wäre, um sie besser zu bewältigen, und die darauf folgende Entkräftung steigert noch das Unglücklichsein.“

Nebst „Haus, Baum, Kind“ ging mir zudem beim Lesen stets der Adorno-Satz durch den Kopf: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“

„Die Glücklichen“ – Der beste zeitgenössische Roman des Jahres?

Kristine Bilkaus Roman „Die Glücklichen“ habe ich schon vor einiger Zeit gelesen. Die Besprechung dazu findet ihr unter dem folgenden Link: „Die Glücklichen“. Mich hat dieses Buch, seitdem ich davon wusste, angesprochen, da es in der Summe endlich das behandelt, was meiner eigenen Lebensrealität entspricht (Familie, Rolle der Geschlechter innerhalb der Familie). Nun ist es schon fast 3 Monate her, seit ich die Buchdeckel zugeklappt habe und bin immer noch der Meinung ein ganz großes Buch gelesen zu haben, weil es die Lebensrealität vieler Leute anspricht. Klar passiert das in überspitzter Form und an manchen Stellen auch übertrieben, aber dennoch trifft es im Kern für viele zu. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einfach steil behaupten, dass mit Kristine Bilkaus der beste zeitgenössische Roman des Jahres 2015 vorliegt. Das möchte ich euch anhand der folgenden Punkte nächer bringen:

1. Gentrifizierung

Ein Punkt, der mich selber zwar nicht betrifft oder sagen wir mal fast betroffen hätte, wenn ich nicht aufs Dorf gezogen wäre. Jedoch entspricht die Realität gerade in den deutschen Großstädten genau dem, wie es im Buch in eigentlich nichtigen Tätigkeiten wie einer Fassadenrenovierung beschrieben wird. Eine Renovierung da, eine Auffrischung der Badfließen dort und schon hat man eine Mieterhöhung am Hals, kann sich die Wohnung nicht mehr leisten und muss woanders hinziehen, in die Vororte, aufs Land. Die Angst vor dieser Veränderung wird von Kristine Bilkau sehr schön eingefangen.

2. Aufteilung der Geschlechterrollen

In „Die Glücklichen“ wird ein Modell vorgestellt, wie es moderner nicht sein kann. Sie kann ihrem alten Job Vollzeit wieder nachgehen, indem er abends den Haushalt übernimmt. Dass das bei den beiden aber nur geht, weil die Arbeitszeiten der beiden es auch hergeben, ist erst einmal geschenkt. Daraus resultieren aber die anfänglichen Probleme des nicht miteinander Kommunizierens, was in den Kommentaren zum Beitrag „Erste Eindrücke“ schon angeklungen ist. Die beiden sehen sich meist zwischen Tür und Angel. Für ihre Ängste und Sorgen ist keine Zeit diese auszutauschen, also bleiben diese unausgesprochen und werden ins Innere gefressen. Daraus komme ich für mich zu der Frage: Geht denn eine moderne Aufteilung überhaupt? Also das beide, wenn möglich Vollzeit, arbeiten gehen? In meinem persönlichen Umfeld und auch bei uns sehe ich genau die Problematik, dass beide sogar arbeiten gehen müssen, damit am Ende des Monats etwas übrig bleibt und das man sich bei diesem Spagat Arbeit, Familie und Freizeit gehörig verheben kann. Auch hier kann man Kristine Bilkau attestieren, dass sie einen Punkt angesprochen hat, der viele beschäftigen wird und den sie, in Abstrichen, gut in die Geschichte integriert hat.

<Ergänzung Claudia:> Auch wenn ich jetzt nicht unbedingt von dem „besten“ Roman des Jahres sprechen möchte (da würde dann auch noch Doris Knechts „Wald“ eine Rolle spielen), möchte ich Marcs Begründung ergänzen:

3. Die wirtschaftliche Situation als wichtiger äußerer Einfluss

Ich habe ja schon in meinem Kommentar zu Brigiites Artikel „Erste Eindrücke“ deutlich gemacht, dass ich hier erst einmal ein Paar sehe, das seinen Lebenstraum versucht umzusetzen, in der Wohnung, in der sie schon lange leben, mit Kind und eigenen Berufen. Diedienen zwar dazu, die finanzielle Situation zu festigen, aber es sind auch beides Berufe, in denen Isabell und Georg „sich selbst verwirklichen“ können, in dem Sinne, dass sie Geld verdienen mit Tätigkeiten, die sie gerne tun, die ihnen entsprechen, die ihnen Spaß machen, in denen sie einen Sinn sehen, die auch Platz für Kreativität lassen (obwohl Isabell ja in ihrem Musical schon das Geld in den Vordergrund gestellt hat). Dafür haben sie eine lange Ausbildung gemacht, ein Studium, für das Georgs Eltern noch im Ruhrstand zahlen. Mit der Zeitungskrise als Beispiel für Wirtschaftskrsien aller Art, kommt eine Entwicklung über Georg und seine Familie, die sie eben nicht mehr beeinflussen können, der sie, bei aller Ausbildung, ausgeliefert sind: Zu welchen Bedingungen muss Georg sich nun verdingen – verkaufen -, wenn er mit seiner Familie nicht nach Hartz IV abrutschen will? Die Beschreibungen seines Vorstellungsgespräches bei der Immobilienmaklerin für Schwerreiche illustriert diese Frage ganz besonders. Und ist nicht genau das ein Stück ganz allgegenwärtiger Realität? Die Suche nach Arbeit, das ständige Sich-Anpassen-Müssen an die Anforderungen des jedes neuen Unternehmens, das sich immer weiter Verbiegen müssen? Beobachten kann man das seit den 1990er Jahren und dem Platzen der New-Economy-Blase. Dass dieser Aspekt des Romanes Jammern auf hohem Niveau sei, so ist es ja gelegentlich bei Besprechungen zu diesem Roman zu lesen, halte ich insofern für völlig unangebracht, denn genau dieser Aspekt trifft ganz viele Menschen, egal, ob im Single-Haushalt oder als Familie. Und Vergleiche mit der Lebensrealität z.B. in Bangladesch oder den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer sind insofern einfach unzulässig als dass damit jedes Schicksal ad absurdum geführt würde.

Wie die Ängste und Sorgen, die sich daraus ergeben – zusammen mit den teurer werdenden Wohnungen in einem Stadtviertel, das auf einmal als modern und hipp gelten will und deshalb modernisiert wird, sodass die alten Mieter sich das Leben hier nicht mehr leisten können, wie die Scham, nicht mehr im Arbeitsleben wie gewohnt zu funktionieren, in die Familie eingreift, wie dies zu einer unangenehme, unechten, ja, auch unaufrichtigen Stimmung zwischen Isabell und Georg führt, wie ein Gift, das langsam eindringt und seine Wirkung mehr und mehr entfaltet, das ist ganz, ganz stark beschrieben.

<Update Marc (03.08.)>:
Nachdem Claudia meinen Beitrag aufgenommen und ergänzt hat (danke an dieser Stelle für den dritten Punkt), möchte ich meine Gedankengänge weiter ausführen, indem ich noch ein wenig auf die Stilmittel des Romans eingehen möchte. Claudias Beispiel von Doris Knechts „Wald“ könnte inhaltlich tatsächlich auf Augenhöhe mit „Die Glücklichen“ mitspielen. Der große Unterschied zwischen beiden Büchern ist vor allem, dass die Fallhöhe der Protagonistin in „Wald“ eine unweit höhere ist und so in der Form sicher nicht so oft vor kommt. Dagegen ist das Schicksal von Isabell und Georg in Deutschland viel eher anzutreffen und es wirkt damit richtiggehend authentisch, was Kristine Bilkau in dem Roman anspricht. Claudias Besprechung zu „Wald“ findet ihr übrigens hier.

4. Unaufgeregte Sprache

„Die Glücklichen“ ist in einer nüchternen, distanzierten Sprache geschrieben, ganz so, als ob Kristine Bilkau eine Beobachterin ist, die die ganze Situation einfach für die Nachwelt dokumentieren, festhalten möchte. Dadurch erscheinen einem die Figuren sicher fremd und unnahbar, was auch sicher an deren Charakterisierung liegen mag, die dann doch etwas seltsam erscheinen. Insgesamt empfinde ich dieses unaufgeregte Erzählen von Alltagssituationen als probates Stilmittel, um den ganzen Mist, der über Isabell und Georg hereinbricht als Leser besser zu ertragen. Wäre es mit Bombast und viel Tamtam vorgetragen, hätte ich nur den Kopf geschüttelt und der Autorin ihre Geschichte nicht abgekauft. Im nun vorliegenden Fall ist es aber genau umgekehrt. Das macht für mich den Roman zu einem großen, da man es als Autorin schaffen muss, diese Unaufgeregtheit über das ganze Buch aufrecht zu erhalten.

5. Abwechselnde Sichtweisen

Das Buch ist so aufgebaut, dass man immer im Wechsel die Sichtweisen von Isabell und Georg erzählt bekommt. Sei es bei dem Thema Kind oder wie sie sich beide als Partner sehen, man bekommt immer die weibliche und männliche Sichtweise präsentiert. Manchmal sogar in einem Kapitel zusammen, indem der eine Part erzählt und der andere handelnd mit eingreift. Ich empfand dieses Stilmittel als sehr passend eingesetzt, um die Ohnmacht beider Seiten gegenüber der über sie hereinbrechenden Situationen zu zeigen und wie sie diese, beide mit ihren jeweiligen Macken, meistern beziehungsweise damit umgehen. Sei es Georg, der es anpacken will, aber nicht um jeden Preis und auf der anderen Seite Isabell, die sich nicht eingestehen will oder kann, dass Veränderungen ins Haus stehen müssen.

6. Offene Erzählung – Realismus

Man bekommt kein Ende auf dem Silbertablett serviert. Es ist eher ein Anfang gemacht, eine Annäherung von Isabell und Georg aneinander. Sie reden wieder miteinander anstatt sich ihre Geheimnisse zu bewahren. Das klang in einem Kommentar zum Beitrag „erste Eindrücke“ auch schon an, dass es Zeit braucht, um eine Partnerschaft zu entwickeln. Kommen dann „Störfaktoren“ wie Kind(er) und/oder Arbeitslosigkeit dazwischen, fängt man wieder von vorne an. Muss sich neu justieren. Einzeln und zusammen. Dieser Realismus, denn viele deutsche Pärchen, ob verheiratet oder unverheiratet, mit oder ohne Kinder, jeden Tag durchmachen, weht einem auf jeder Seite entgegen und findet ebenjene Entsprechung im „Abschluss“ des Romans, dass man einfach mehr miteinander reden muss, um sich die Probleme gar nicht erst zu schaffen. Es wird einem sozusagen nicht DAS Patentrezept vorgelegt, wie man Schwierigkeiten im Leben als Paar mit Kind zu meistern hat, aber es werden ein paar Punkte angebracht, die man beherzigen kann, aber nicht muss.

Warum also der beste deutsche zeitgenössische Roman im Jahr 2015?

Ich hoffe, ich konnte zusammen mit Claudia ein wenig darlegen, warum ich „Die Glücklichen“ als besten zeitgenössichen Roman dieses Jahr ansehe. Ich bin gespannt auf eure Antworten und ob ihr, so wie Claudia, Gegenbeispiele für das Jahr 2015 anbringt. Ich für meinen Teil muss aber auch so ehrlich zugeben, dass ich nicht so viele Neuerscheinungen dieses Jahr gelesen habe, da, um beim Thema zu bleiben, wegen den Kindern einfach die Muse fehlt. Jedoch würde ich diese Behauptung einfach aus meinem Erfahrungsschatz und aufgrund der Tatsache, dass der Roman meine Erwartungen an die Lektüre sogar übertroffen hat, aufrecht erhalten. Ich gehe sogar soweit, zu behaupten, dass dieses Buch, falls er nominiert wird, einer der größeren Favoriten auf den Gewinn des Deutschen Buchpreises ist. Verdient wäre es, da es endlich mal ein Roman ist, der die Lebensrealität vieler Menschen in Deutschland in wenig überspitzter Form anhand eines Beispielpärchens aufzeigt. Meines Erachtens gab es davon in den letzten Jahren nicht viele (man darf mich aber gerne eines besseren belehren). Und, was noch wichtiger ist, es hätte endlich mal nicht mit der Wende oder überhaupt mit der deutschen Geschichte zu tun.

Erste Eindrücke – Fragen tun sich auf

Gleich zu Beginn ist klar, Kristine Bilkau ist eine äußerst präzise Beobachterin. Sie seziert die Befindlichkeiten ihrer Protagonisten ganz genau, ohne sie zu zerfasern oder zu bewerten. Der direkte Blick wendet sich dem zu, was ich in Berlin tagtäglich ebenfalls beobachten kann: Die Menschen, die nicht unbedingt nach materiellem Reichtum streben und die Dinge, die sie gerne und mit Leidenschaft tun, zu ihrem Beruf gemacht haben, müssen rudern, um ihren Lebensstandard halten zu können. Waren sie früher nur für sich verantwortlich, haben sie jetzt eine größere Verantwortung übernommen, die ihnen Druck macht, den sie nicht kennen. Sie haben eine Familie gegründet. Was das heißt kann man wohl nur nachvollziehen, wenn man selbst Kind(er) hat. Plötzlich ist kaum Zeit für Dinge, die man früher immer tat, es ist immer irgendwas zu organisieren oder zu regeln … und das vor allem dann, wenn der Nachwuchs nicht ständig von anderen Menschen betreut werden soll.

Das ist eine Lebensrealität, die meiner nicht unähnlich ist. Und dennoch bleiben mir die Protagonisten erstaunlich fern. Was ich erkenne ist die Fremdbeherrschtheit durch das Kind, das alles ändert. Es ist gewollt und doch bringt es einen komplett an seine Grenzen. Kann man das, was Kristine Bilkau in den Anfangskapiteln beschreibt ohne eigenes Erleben nachvollziehen, erfassen? Die Szene, in der Isabell versucht zu üben, vorher den Kleinen zum Schlafen zu bringen und gleichzeitig unter Druck steht, weil die Handwerker gleich wieder anfangen könnten, Lärm zu machen ist so dicht, so genau, so bekannt geschildert, das ist unglaublich. Und doch habe ich das Gefühl, einen distanzierten Blick darauf zu bekommen, nicht in die Geschichte selbst abzutauchen.

Wie geht es euch, meinen Mitlesern, damit? Könnt ihr diesen äußerlichen Druck nachempfinden? Vielleicht nicht aus der Sicht der Eltern. Wie kommt ihr mit dem Stil dabei zurecht? Was geht / ging euch ganz am Anfang der Lektüre durch den Kopf? Das sind meine ersten Fragen … ich bin gespannt.